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Türkisch und Latein

Ich wüsste gern einmal, ob türkischsprachigen Kindern, wenn sie Latein auf dem Gymnasium lernen, auffällt, welche Vorteile ihnen das Türkische beim Lernen bringt. Ich könnte mir vorstellen, dass sie eine deutlich flachere Lernkurve hätten, wenn sie das realisieren würden (wenn sie es nicht schon längst getan haben).

Zwar sind die beiden Sprachen nicht verwandt, ja, sie kommen sogar aus unterschiedlichen Sprachsystemen. Trotzdem gibt es in beiden Sprachen ähnliche grammatikalische Phänomene, die im Deutschen so nicht existieren. Bestes Beispiel ist meines Erachtens der Ablativ. Ich bilde mir ja ein, mit ihm auch in Latein besser zurecht zu kommen, seit ich Türkisch lerne. Denn über Türkisch habe ich, da ich es ja aktiv zu sprechen versuche, einen ganz anderen, intuitiven Zugang zu diesem Fall gefunden, den man in der Schule nur sehr theoretisch betrachtet und in tausend Einzelfunktionen zergliedert (ablativus absolutus, instrumentalis, seperativus, etc.), anstatt die einzelnen Anwendungen über die gemeinsame Grundbedeutung zu erschließen. Natürlich ist mir klar, dass der türkische und der lateinische Ablativ nicht einfach gleichgesetzt werden können. Der türkische hat fast nur seperativische Funktion, während er im Lateinischen, das anders als das Türkische keinen Lokativ (mehr) kennt, auch die Funktion des Letzteren übernimmt (teilweise mit Präpositionen). Trotzdem glaube ich, dass ein türkischsprachiger Schüler hier den größten Vorsprung hat.

Ein weiterer kleiner Vorteil ist, dass jemand, der Türkisch spricht, gewohnt ist, vieles über Verbaladjektive und Verbalnomina zu lösen, was in Latein ganz ähnlich ist. In einem Gerundiv, dass sehr häufig eingesetzt wird, steckt ja ähnlich viel an Bedeutung wie in manchen türkischen Verbaladjektiven. Den Deutschen verwirrt es eher, dass in einem Wort nicht nur die Bedeutung Passiv, sondern auch Notwendigkeit enthalten sein kann. Im Türkischen hingegen kann man sogar noch viel mehr in ein Wort hineinpacken. Ähnlich sind sich die Sprachen im weitesten Sinne auch darin, dass bei den normalen Verbformen das für die Konjugation entscheidende Element immer hinten steht und man keine Artikel oder Personalpronomen braucht, um Verben zu benutzen. Dann kommt noch hinzu, dass auch Latein eine Subjekt-Objekt-Verb-Satzstellung hat.

Ich konnte jedenfalls aus der Beschäftigung mit Türkisch einiges übertragen, aber da war ich natürlich auch schon viel älter und kein Muttersprachler, der sich ja ohnehin nicht so mit der Grammatik der eigenen Sprache auseinandersetzt.

Leider habe ich noch keinen Türkischsprachigen getroffen, der hier Latein gelernt hat. Aber wenn das mal der Fall sein sollte, werde ich ihn sicherlich zu dem Thema löchern.

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Umzingelt von Partizipien

Was mir an Türkisch mit der Zeit immer mehr aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass es in gewisser Weise nur – untechnisch gesprochen – Partizipien von Verben gibt, was besonders im Vergleich mit einer flektierenden Sprache wie Deutsch auffällt.

Was ich damit meine? Schauen wir uns beispielsweise das Präsens von almak an:

alıyorum – Das wird normalerweise mit „Ich nehme“ übersetzt, heißt aber nach meinem Verständnis strenggenommen: „Ich bin jemand, der (gerade jetzt) nimmt.“ Demnach heißt alıyor alleine:  „Der, der gerade nimmt“ und wird bei alıyorum mit dem Suffix -im  („ich bin“) kombiniert, einem der vier Suffixe, die zur Wiedergabe von „sein“ dienen (im, sin, iz, siniz).

Wir nehmen diese Suffixe ja auch, wenn es nicht um Verben geht, sondern um Substantive oder Adjektive, beispielsweise aptalım – „Ich bin dumm“ oder bir evsin – „Du bist (ja) ein Haus!“ (okay, das macht nicht so viel Sinn, aber was Besseres ist mir nicht eingefallen). Was ich damit meine, sieht man aber deutlich besser an den etwas abgefahreneren, zusammengesetzten Zeitformen. Nehmen wir folgenden Satz, zunächst mal wieder in hässlichem Deutsch:

Blogumu okumuyor oldunuz – „Ihr wurdet zu jemandem, der (neuerdings) meinen Blog nicht (mehr) liest.“ oder besser: „Ihr lest ja neuerdings meinen Blog gar nicht mehr.“ Oder

Yarın obür gün bu saatte otogarda bekliyor olacağız – „Übermorgen zu dieser Zeit werden wir jemand sein, der am Busbahnhof wartet.“ oder „Übermorgen werden wir zu dieser Zeit am Busbahnhof warten.“

Ganz davon abgesehen, dass das Prinzip auch schon bei der normalen Frageform deutlich wird: alıyor musun?

Und das trifft auf alle Zeiten zu, die mit dem vierförmigen sein-Suffix gebildet werden. Bei -ecek ist es ja auch ohne Beispiel überdeutlich, dass es ein Partizip ist: Als solches wird es ja ständig eingesetzt. So wie beim schönen

Yapacak bir şey yok – „Etwas, das gemacht werden wird, gibt es nicht“, „Da gibt es nichts, was man tun kann.“

Bildet man das normale Futur wie bei yapacağım, dann hängt man ja an dieses Partizip (yapacak) einfach das sein-Suffix an und sagt eigentlich: „Ich bin jemand, der machen wird.“ So geht das natürlich auch mit -mış, das wir zum Beispiel bei

Unutmuşum – „Das habe ich wohl vergessen.“

gebrauchen, aber auch, um den Futur II zu bilden, mit olmak kombinieren können:

Gelecek hafta unutmuş olacaksın – „Du wirst jemand sein, der das nächste Woche vergessen hat.“ oder „Das wirst du nächste Woche schon vergessen haben.“

Wie gesagt: Das ist bei allen Zeiten, die mit den vier sein-Suffixen gebildet werden, wozu auch der Aorist gehört, auffällig, wenn man sich einmal die komplizierteren kombinierten Zeitformen anschaut. Ich könnte noch viele Beispiele bilden. Was aber ist jetzt der große Unterschied zum Deutschen und anderen indogermanischen Sprachen? Ganz einfach: Das „nehme“ aus „Ich nehme“, der ersten Person Singular Präsens Aktiv besteht nicht aus einem Partizip und einer Form des Verbs „sein“, man sagt ja nicht: „Ich bin ein (gerade) Nehmender.“ Beim Präteritum geht das auch nicht. Im deutschen Perfekt verhält es sich schon anders, weil es ja mit Hilfsverb und Partizip gebildet wird, obwohl das nicht ganz dasselbe ist. Als noch extremerer Gegensatz erscheint das Ganze, wenn man es mit solch ultraflektierenden Sprachen wie Latein vergleicht, wo fast gar nicht mit Hilfsverben und Partizipien „gearbeitet“ wird.

Versteht das jemand? Ich glaube, dass diese Tatsache auch dafür verantwortlich ist oder damit zusammenhängt, dass im Türkischen alles in so unendlicher Vielfalt miteinander kombinierbar ist. „Ich nehme“ kann man nicht in diesem Sinne weiter verarbeiten. Am ehesten erinnert mich noch unser Futur II daran, zum Beispiel: „Ich werde genommen haben.“ Das ist zwar nicht dasselbe wie „Ich bin jemand, der genommen haben wird“, aber es geht in die Richtung.

Meine These stört natürlich, dass ich mich nicht mit den Formen auseinandergesetzt habe, die auf -m, -n, – k und -n enden wie -se (bpsw.: istersen) oder -di (bspw.: yaptınız).

Alle Linguisten oder sonstige Sprachforscher, die hier mitlesen, mögen mir die laienhafte Ausdrucksweise verzeihen. Insbesondere das Wort Partizip könnte falsch gewählt sein. Ich wollte hier auch keine großen Schlüsse ziehen, sondern nur etwas mitteilen, was ich an der türkischen Sprache besonders bemerkenswert finde.

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Heute fährt die 18…

Ist schonmal jemandem aufgefallen, dass in Köln in der Weidengasse beim Eigelstein, wo sehr viele Türken leben, das Wappen der Stadt Istanbul an einem Haus prangt? Passt also ganz gut. Wer jetzt — wie ich als ehemaliger Istanbulbewohner — aber denkt, dass sich die Istanbuler Stadtverwaltung, deren in Istanbul allgegenwärtiges Symbol das ist, auch hier niedergelassen hat, täuscht sich. Das Wappen hat wohl nur der Inhaber eines Juweliergeschäfts dort angebracht, der es  zum Logo seines Ladens erkor. Erinnert mich aber jedesmal aufs Angenehmste an die faszinierendste Stadt der Welt.

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Schaffen oder anschaffen gehen?

Beim Nachdenken über den vorigen Artikel bin ich noch auf eine andere, thematisch ganz ähnlich gelagerte Begebenheit gekommen: Als ich in Istanbul in einer WG wohnte, hatte ich einen Mitbewohner, der nachts arbeitete. Ich wusste aber nie genau, an welchen Wochentagen. Also fragte ich ihn einmal, als er sich abends die Schuhe anzog: İşe çıkacak mısın? Eben, um zu erfahren, ob er bald zur Arbeit aufbrechen würde. Leider heißt die Wendung işe çıkmak aber soviel wie „auf den Strich gehen“ oder „anschaffen gehen“. Daher hat er mich zunächst sehr befremdet angeguckt, bis ihm eingefallen ist, wie ich es gemeint hatte. Es wurde natürlich ein Running Gag.

Auch hier sollte man also eine andere Formulierung wählen, es bietet sich işe gidecek misin an.

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Zurückgekommen oder zurückgeblieben?

Vor einiger Zeit habe ich eine türkische Bekannte über Chat fragen wollen, ob sie, weil sie Heimaturlaub gemacht hatte,  schon aus der Türkei zurück nach Deutschland gekommen sei. Also fragte ich sie: Geri misin?

Es stellte sich heraus, dass man das so nicht fragen kann, weil geri in diesem Zusammenhang zurück im Sinne von zurückgeblieben heißt (wie auch im Deutschen über jemanden gesagt werden kann, er sei oder bleibe etwas zurück). Ich hatte sie also gefragt, ob sie ein bisschen blöd sei. Seid also gewarnt und fragt lieber: Geri döndün(üz) mü?

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Etwas zum osmanischen Alphabet

Ich habe einmal gelesen, dass das erweiterte lateinische Alphabet, das Atatürk im Zuge seiner Sprachreformen für die Türkische Sprache eingeführt hat, nicht nur eine Annäherung an den Westen darstellt, sondern auch besser zum Türkischen passt als das früher benutzte arabische Alphabet. Jetzt, wo ich selbst ein bisschen Osmanisch lerne, kann ich das bestätigen.

Der Grund ist, dass Türkisch, wie der ein oder andere sicher schon festgestellt hat, eine sehr vokalreiche Sprache ist. Grund zu (natürlich völlig unberechtigtem!) Spott bietet ja immer wieder das häufige Auftreten des Umlautes ü in manchen, mit endlosen Suffixketten versehenen Wörtern. Nun ist Arabisch aber genau das Gegenteil: Eine sehr vokalarme Sprache. Daher hatte das arabische Alphabet ursprünglich nicht einmal eigene Buchstaben für Vokale. Für den großen Anteil Türkisch in der Osmanischen Sprache haben daher arabische Schriftzeichen quasi zweckentfremdet werden müssen, um die Vokale zu symbolisieren. Auch das hat aber nicht dazu geführt, Eindeutigkeit herzustellen.

Ein gutes Beispiel ist das die Buchstabenfolge اون : Sie kann wahlweise bzw. je nach Kontext als türkisches Wort on – zehn, un – Mehl, ön – Vorderes oder ün – Stimme gelesen werden. Das kommt daher, dass der eine Buchstabe و für u, ü, o oder ö stehen kann. Sehr mehrdeutig also und nur nach Kontext zu entscheiden. Aber das ist noch nicht alles. Für diese Vokale steht der Buchstabe auch nur dann, wenn vor ihm als Modifikator ein Extrabuchstabe steht — hier im Anlaut ا –, ansonsten liest man و wie im Arabischen als w. Dass solch ein Modifikator nötig ist, um für das Türkische so lebenswichtige Vokale wie ü darzustellen (und das nicht einmal eindeutig), untermauert die eingangs wiedergegebene Aussage eindrucksvoll. Zur Darstellung des Türkischen im Osmanischen ist zudem nutzlos, dass für bestimmte Konsonanten sogar mehrere Buchstaben im Arabischen existieren, um Nuancen darzustellen, die für das Türkische unwichtig sind, weil es sie nicht gibt. So gibt es jeweils mehrere Zeichen für verschiedene Varianten von h, t oder s.

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Türkische Seifenopern – Gut als Sprachtraining, aber irgendwie…

Heute habe ich sehr viel Zeit damit verbracht, auf TRT Seifenopern zu gucken. Für Türkischlernende sehr praktisch ist, dass man die ganze TRT-Senderfamilie im Internet offiziell streamen kann. Natürlich ist das nicht immer leicht verständlich, aber man hört sich nach einer Weile rein. Dann, denke ich, ist es besonders gut für die Entwicklung der eigenen umgangssprachlichen Fähigkeiten.

Was mir aber neben dem positiven Lerneffekt aufgefallen ist: In diesen Seifenopern gibt es immer lange Sequenzen, in denen die meist beiden, meist männlichen und weiblichen Hauptfiguren dabei gezeigt werden, wie sie „Gefühle haben“. Manchmal positiv, aber häufiger negativ. Es geht aber nicht um extreme Gefühle, niemand muss dabei weinen oder ähnliches. Bei zengin kız fakir oğlan beispielsweise (ein auch für den Anfänger fast selbsterklärender Titel) gab es gerade den in jeder Folge obligatorisch auftretenden Rückschlag für die junge Liebe. Der Vater verbietet die Hochzeit, indem er sie an die Bedingung knüpft, dass der fakir oğlan vorher ein Haus kauft. Danach saßen die titelgebenden Figuren in ihren jeweiligen Zimmern und waren einfach traurig, so ungefähr drei Minuten lang. Dazu Traurigmusik. Oh Mann. Vielleicht gibt es das ja in deutschen Seifenopern auch und ich sehe hier Besonderheiten, wo keine sind. Aber ich kenne keine deutschen Seifenopern. Vielleicht sollte ich mir vergleichshalber welche ansehen.

Außerdem scheint gerade (oder schon immer?) im Trend zu liegen, dass man die Figuren denken hören kann, also ständig voice overs vorkommen. Bei der Serie beni böyle sev scheint das sogar eine Hauptzutat zu sein. In der Folge, die ich gesehen habe, hat die Hauptfigur fast vor jedem ihrer Dialoge erstmal laut nachgedacht (und dann das Gegenteil von dem gesagt, was sie dachte – wie crazy!). Außerdem sehr theatroesk: Wenn beispielsweise sechs Personen in einem Raum sitzen, können zwei von ihnen miteinander „heimlich“ (aber seltsamerweise in normaler Zimmerlautstärke) reden, ohne dass die anderen es mitkriegen, um ihre Gedanken und meist bösen Pläne auszutauschen.