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Umzingelt von Partizipien

Was mir an Türkisch mit der Zeit immer mehr aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass es in gewisser Weise nur – untechnisch gesprochen – Partizipien von Verben gibt, was besonders im Vergleich mit einer flektierenden Sprache wie Deutsch auffällt.

Was ich damit meine? Schauen wir uns beispielsweise das Präsens von almak an:

alıyorum – Das wird normalerweise mit „Ich nehme“ übersetzt, heißt aber nach meinem Verständnis strenggenommen: „Ich bin jemand, der (gerade jetzt) nimmt.“ Demnach heißt alıyor alleine:  „Der, der gerade nimmt“ und wird bei alıyorum mit dem Suffix -im  („ich bin“) kombiniert, einem der vier Suffixe, die zur Wiedergabe von „sein“ dienen (im, sin, iz, siniz).

Wir nehmen diese Suffixe ja auch, wenn es nicht um Verben geht, sondern um Substantive oder Adjektive, beispielsweise aptalım – „Ich bin dumm“ oder bir evsin – „Du bist (ja) ein Haus!“ (okay, das macht nicht so viel Sinn, aber was Besseres ist mir nicht eingefallen). Was ich damit meine, sieht man aber deutlich besser an den etwas abgefahreneren, zusammengesetzten Zeitformen. Nehmen wir folgenden Satz, zunächst mal wieder in hässlichem Deutsch:

Blogumu okumuyor oldunuz – „Ihr wurdet zu jemandem, der (neuerdings) meinen Blog nicht (mehr) liest.“ oder besser: „Ihr lest ja neuerdings meinen Blog gar nicht mehr.“ Oder

Yarın obür gün bu saatte otogarda bekliyor olacağız – „Übermorgen zu dieser Zeit werden wir jemand sein, der am Busbahnhof wartet.“ oder „Übermorgen werden wir zu dieser Zeit am Busbahnhof warten.“

Ganz davon abgesehen, dass das Prinzip auch schon bei der normalen Frageform deutlich wird: alıyor musun?

Und das trifft auf alle Zeiten zu, die mit dem vierförmigen sein-Suffix gebildet werden. Bei -ecek ist es ja auch ohne Beispiel überdeutlich, dass es ein Partizip ist: Als solches wird es ja ständig eingesetzt. So wie beim schönen

Yapacak bir şey yok – „Etwas, das gemacht werden wird, gibt es nicht“, „Da gibt es nichts, was man tun kann.“

Bildet man das normale Futur wie bei yapacağım, dann hängt man ja an dieses Partizip (yapacak) einfach das sein-Suffix an und sagt eigentlich: „Ich bin jemand, der machen wird.“ So geht das natürlich auch mit -mış, das wir zum Beispiel bei

Unutmuşum – „Das habe ich wohl vergessen.“

gebrauchen, aber auch, um den Futur II zu bilden, mit olmak kombinieren können:

Gelecek hafta unutmuş olacaksın – „Du wirst jemand sein, der das nächste Woche vergessen hat.“ oder „Das wirst du nächste Woche schon vergessen haben.“

Wie gesagt: Das ist bei allen Zeiten, die mit den vier sein-Suffixen gebildet werden, wozu auch der Aorist gehört, auffällig, wenn man sich einmal die komplizierteren kombinierten Zeitformen anschaut. Ich könnte noch viele Beispiele bilden. Was aber ist jetzt der große Unterschied zum Deutschen und anderen indogermanischen Sprachen? Ganz einfach: Das „nehme“ aus „Ich nehme“, der ersten Person Singular Präsens Aktiv besteht nicht aus einem Partizip und einer Form des Verbs „sein“, man sagt ja nicht: „Ich bin ein (gerade) Nehmender.“ Beim Präteritum geht das auch nicht. Im deutschen Perfekt verhält es sich schon anders, weil es ja mit Hilfsverb und Partizip gebildet wird, obwohl das nicht ganz dasselbe ist. Als noch extremerer Gegensatz erscheint das Ganze, wenn man es mit solch ultraflektierenden Sprachen wie Latein vergleicht, wo fast gar nicht mit Hilfsverben und Partizipien „gearbeitet“ wird.

Versteht das jemand? Ich glaube, dass diese Tatsache auch dafür verantwortlich ist oder damit zusammenhängt, dass im Türkischen alles in so unendlicher Vielfalt miteinander kombinierbar ist. „Ich nehme“ kann man nicht in diesem Sinne weiter verarbeiten. Am ehesten erinnert mich noch unser Futur II daran, zum Beispiel: „Ich werde genommen haben.“ Das ist zwar nicht dasselbe wie „Ich bin jemand, der genommen haben wird“, aber es geht in die Richtung.

Meine These stört natürlich, dass ich mich nicht mit den Formen auseinandergesetzt habe, die auf -m, -n, – k und -n enden wie -se (bpsw.: istersen) oder -di (bspw.: yaptınız).

Alle Linguisten oder sonstige Sprachforscher, die hier mitlesen, mögen mir die laienhafte Ausdrucksweise verzeihen. Insbesondere das Wort Partizip könnte falsch gewählt sein. Ich wollte hier auch keine großen Schlüsse ziehen, sondern nur etwas mitteilen, was ich an der türkischen Sprache besonders bemerkenswert finde.

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8 Kommentare zu “Umzingelt von Partizipien

  1. Ich finde diese These doch etwas an den Haaren herbeigezogen.

    Im Türkischen gibt es die 6 Grundzeiten: Präsens (-yor), Aorist (-Ir, -Ar), Futur (-AcAk), Präteritum (-dI), Perfekt (-mIş), Kontinuativ (-mAktA).

    Von diesen 6 Zeiten nehmen 5 die Endungen an, die dem deutschen Hilfsverb „sein“ entsprechen. Die gleichen 5 Formen können auch mit olmak kombiniert werden. Man kann also behaupten, dass diese 5 Zeiten (Präsens, Aorist, Futur, Perfekt und Kontinuativ) mit der türkischen Entsprechung des deutschen Hilfsverbs sein gebildet werden. Lediglich das Präteritum nimmt andere Endungen an und kann auch nicht mit olmak kombiniert werden.

    Allerdings bilden nur 3 davon (Aorist, Futur und Perfekt) in der Form der 3. Person Singular auch ein entsprechendes Partizip, das dann adjektivisch oder substantivisch gebraucht wird.

    Ein Partizip Präsens gibt es zwar, es lautet aber –An und nicht –yor. Der Türke sagt aber eben nicht „alanım = ich bin ein Nehmender“, obwohl das auf Türkisch sogar kürzer wäre als „alıyorum”.

    Beim Partizip Perfekt ist zu beachten, dass dies zwar der Form nach identisch ist mit der 3. Person Singular Perfekt, dass es aber mindestens zwei deutliche Unterschiede im Gebrauch und der Bedeutung gibt:

    Der Satz “Adam gelmiş“ ist sinnvoll und sagt aus, dass der Mann gekommen ist, ich es aber nicht selbst gesehen habe, sondern nur vom Hörensagen weiß oder nachträglich festgestellt habe.

    Das Partizip „gelmiş adam” kann man aber nicht benutzen, ohne eine Grenze anzugeben. Die Formulierung “Almanya’ya gelmiş adam” wäre dagegen zwar möglich, hätte aber im Gegensatz zum Satz “Adam Almanya’ya gelmiş“ nicht die Bedeutung, dass ich es nachträglich feststelle oder nur vom Hörensagen weiß.

    Wir haben also die Erscheinung, dass im Türkischen viele Zeitformen mit der türkischen Entsprechung des Hilfverbs „sein“ gebildet werden, aber diese Zeitformen nicht unbedingt ein Partizip enthalten. Der Unterschied zum Deutschen ist durchaus nicht soo gravierend: im deutschen werden Perfekt und Plusquamperfekt mit dem Hilfverb sein oder haben, Futur I mit dem Hilfverb werden und Futur II mit den Hilfsverben werden und sein/haben gebildet. Darüber hinaus wird das Passiv IMMER mit Hilfsverben gebildet.

    Das Lateinische hingegen hat sehr wohl viele Partizipien, setzt aber keine Hilfsverben und keine Partizipien für die Bildung einfacher Zeitformen ein.

    Übrigens:
    Blogumu okuyamıyor oldunuz = Ihr könnt neuerdings meinen Blog nicht (mehr) lesen.

    Zitat: „Yapacak bir şey yok = Etwas, das gemacht werden wird, gibt es nicht“

    Wenn yapacak hier ein Partizip wäre, müsste es aktiv übersetzt werden
    Yapacak bir şey yok = Etwas, das MACHEN wird, gibt es nicht
    Yapılacak bir şey yok = Etwas, das gemacht WERDEN wird, gibt es nicht

    Tatsächlich handelt es sich hier um eine Form, die nur so aussieht, wie das aktive Futurpartizip, aber eine andere Funktion hat und passivisch verstanden werden soll: Yapacak bir şey = etwas ZU machen.

  2. Danke fürs Lesen und die konstruktive Kritik.

    Das Wort These von mir war wohl auch etwas zu hochgegriffen. Das im letzten Absatz benutzte Wort „Beobachtung“ trifft es wohl besser.

    Das -en-Partizip als Gegenargument leuchtet mir aber aus zwei Gründen nicht ein: Erstens sind Sprachen in sich nicht so logisch, dass man sagen könnte: Warum benutzen sie dann nicht das -en-Partizip, wenn doch alles Partizipien sind. Zweitens und wichtiger deckt -en ja auch die Vergangenheit ab, so dass es von der Zeitebene nicht so präzise wie -yor wäre.

    Außerdem darf ich zu deiner Aussage, dass yapacak in meinem Beispielssatz nicht das Futurpartizip ist, sondern nur eine Form, die ihm ähnlich sieht, anmerken, dass Frau Ersen-Rasch in ihrem autoritativen Werk Türkische Grammatik da ganz anderer Meinung ist als du (2. Auflage, S. 211). Dort schreibt sie, dass die aktive Form des Futurpartizips auch als Verbaladjektiv verwendet wird und bringt als Beispiele genau solche Sätze wie den, den ich als Beispiel gewählt habe. Anstatt einfach auswendig zu lernen, dass es in solch einem Kontext mit „zu“ übersetzt werden kann, habe ich mir Gedanken gemacht, warum es im Deutschen so übersetzt werden kann. Und das ist meines Erachtens nur erklärbar, wenn man annimmt, dass ein bisschen zwischen Aktiv und Passiv oszilliert, was ich mit meiner entsprechenden Übersetzung deutlich machen wollte.

    Ansonsten verweise ich auf meine Antwort zum nächsten Kommentar: Ich habe mitnichten (das geht auch bei genauer Lektüre aus meinem Artikel hervor) behaupten wollen, dass man die erwähnten Formen von nun an als Partizip bezeichnen soll oder dass sie genau das seien und bspw. -yor dieselben Eigenschaften wie -en hätte. Es ging mir nur darum, zu verdeutlichen, dass sie qualitativ etwas anderes und mehr sind als ihre deutschen Pendants und mich in gewisser Weise an Partizipien erinnern.

  3. Ich habe diese Seiten, die ich übrigens interessant finde, weil man daran erkennt, dass du dich (wie ich auch) für die Grammatik der türkischen Sprache mit seiner faszinierenden Logik interessierst, erst jetzt entdeckt, daher kommt meine Antwort etwas spät:
    Wolfgangs Antwort zum Thema „Partizipien“ stimme ich voll zu. Nach dem, was ich bisher gelernt habe, fasse ich es so zusammen: es gibt Partizipien ohne Possessivsuffix = Ortaçlar (-(y)an, -(y)acak, -mış, -(y)ar, -ası, -dık) – alle diese Partizipien können im Deutschen mit einem Relativsatz (oder auch wörtlich mit der deutschen Endung -end übersetzt werden: z.B.: yazan adam – der Mann der schreibt oder der schreibende Mann.
    Außerdem gibt es die Partizipien mit Possessivsuffix, das sind die ‚-dığı / -acağı‘-Formen. Diese werden im Deutschen je nach türkischer Konstruktion mit Relativsätzen, ‚dass‘-Sätzen, Temporalsätzen (als, …), Modalsätzen (so wie, …), Kausal-, Konzessiv- oder Konditionalsätzen (weil, …) übersetzt.
    ‚-(ı)yor‘ gehört danach nicht zu den Partizipien, sondern zu den Zeitformen, wie auch Wolfgang schrieb.
    Ich habe mal für mich eine türkische Grammatik in kompakter Form mit erklärenden Grafiken zusammengestellt, die ich jetzt im Rahmen eines Forums kostenlos zur Verfügung gestellt habe. Vielleicht hast Du ja mal Lust, dort reinzugucken. Die Partizipien findet man in Kap. 9 und 10, Seite 36-40:
    http://tuerkische-grammatik-kompakt-online-forum.xobor.de/

    • Danke für deinen Kommentar. Die offizielle Terminologie, die du darlegst, ist mir durchaus bekannt. Ich schreibe ja auch mehrfach in meinem Artikel, dass ich den Begriff Partizip nur untechnisch gebrauche und damit nur eine Beobachtung verdeutlichen möchte, wobei mir kein näherliegendes Wort einfällt. Die Beobachtung nämlich, dass diese Formen, um die es mir geht, nicht 1:1 mit den deutschen Zeitformen des Präsens, etc. vergleichbar sind. Was ich meine, habe ich in dem Artikel schon geschrieben. Aber hier vielleicht noch mal ein Beispiel zur Verdeutlichung dessen, was ich meine:

      Die deutsche Präsensform „Ich komme“ kann in das Türkische mit geliyorum übersetzt werden.

      Du kannst aber nicht geliyor olacağım mit „Ich werde komme sein“ oder „Ich werde (er) kommt sein“ übersetzen (obwohl letzteres schon ein Tick von dem herüberbringt, was ich meine). Die Form geliyor ist qualitativ einfach etwas anderes als das deutsche „Er kommt“, sonst könnte sie in solch einer Kombination mit olmak und damit so völlig anders als die deutsche Form nicht benutzt werden. Die Bezeichnung Partizip ist sicher unscharf. Ich kenne den richtigen Terminus eben nicht, falls es ihn gibt. Allerdings so zu tun, als ob die türkischen -yor-Präsenformen genau dasselbe wären wie ihre deutschen Pendants, obwohl sie offensichtlich in ganz anderer Weise benutzt werden können (ganz ähnlich wie Partizipien), ist auch keine Lösung.

      • Ich finde den Beitrag von „dorkmaster“ auf jeden Fall sehr interessant, auch wenn er nicht die offizielle Terminologie benutzt.

        Oft wird auch eine Analogie zwischen türkischem -yor Präsens und der englischen -ing Form gesehen, die aber sicherlich auch nicht 1:1 übereinstimmt.

        Danke auch an Monika für den Hinweis auf das Forum. Diese seite kannte ich noch nicht. Ich habe mich aber sofort mal dort angemeldet.

  4. Wolfgang: danke für deine Anmeldung in meinem Forum.
    dorkmaster: auf jeden Fall ist deine Idee interessant und wert, darüber nachzudenken. Das habe ich getan, habe in meinen alten Büchern gestöbert und dabei auch folgenden Satz gefunden:
    „Kennzeichen des Präsens ist das unveränderliche Suffix -yor, das früher einmal ein selbständiges Wort war.“ (Ersen-Rasch: Türkische Grammatik für Anfänger und Fortgeschrittene, Hueber Verlag)
    Ich interpretiere das so: wenn -yor mal ein eigenständiges Wort war, ist es irgendwann zu einem Suffix geworden, das jetzt eine andauernde Handlung kennzeichnet (und zwar sowohl in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit).

    Ich bin kein vergleichender Sprachwissenschaftler für Turksprachen. Für mich war das ganz einfach: -yor ist der Rest eines ehemals selbstständigen (vgl. -idi, -ebil) Verbs, das eine andauernde Handlung bezeichnet. Also
    gidiyorum: Stamm + iyor + Personalendung = ich gehe (sprachlogisch ist Präsens eine andauernde Handlung / ein Zustand)
    gidiyordum: Stamm + iyor + Tempuszeichen + Personalendung = ich ging (ebenfalls eine andauernde Handlung, nun in der Vergangenheit, während etwas anderes passierte: Arkadaşımla konuşuyordum, bu anda telefon çaldı. – Ich sprach (gerade) mit meinem Freund, da klingelte das Telefon.)

  5. Nicht „Blogumu okuyamıyor oldunuz.“ sondern „Blogumu okumaz oldunuz“.

    „okumuyor oldunuz“ ginge auch.

    Blogumu „okuyamıyor“ oldunuz– würde bedeuten „nicht in der Lage sein, nicht fähig sein“

    okuyamıyor = er/sie/es kann nicht lesen
    okuyabiliyor = er/sie/es kann lesen
    okumuyor = er/sie/es liest nicht
    okuyor = er/sie/es liest
    okumaz = liest nicht (ungefähr, keine echte deutsche Entsprechung leider)
    okur = liest (ungefähr, keine echte deutsche Entsprechung leider)

    dann gibt es noch „okuyamaz olmak“

    „Ihr lest ja neuerdings meinen Blog gar nicht mehr.“ = „Blogumu okumaz oldunuz/okumuyor oldunuz.“

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