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Wie funktionieren eigentlich Nebensätze im Türkischen? (Teil 2: -diği/eceği)

Im ersten Teil haben wir uns mit dem Suffix -en in Bezug auf Nebensätze beschäftigt.

Hier wird es um das leider deutlich kompliziertere (und damit umfangreichere) Thema der Suffixe -diği/eceği gehen und wie man mit ihrer Hilfe das türkische Äquivalent bestimmter deutscher Nebensätze produziert. Diese Suffixe sind äußerst mächtig und decken mehrere deutsche Nebensatzarten gleichzeitig ab, insbesondere die dass-Sätze. Bei der Erklärung werde ich auch wie immer hässliches Deutsch einsetzen, das grammatikalisch falsch sein mag, aber nützlich ist, um die fremdartigen Phänomene der türkischen Grammatik für den deutschsprachigen Leser zu verdeutlichen.

1. -diği

Aber von Anfang an: Wir beginnen mit -diği, wobei es sich um das Suffix -dik handelt, erweitert um ein Possessivsuffix. Hänge ich -dik beispielsweise an tanımak (dt.: kennen) an, ergibt sich tanıdık, was auf deutsch „bekannt“ bzw. „gekannt“ heißt, aber auch „Bekannter“, also sowohl als Adjektiv wie auch als Substantiv benutzt werden kann. In dieser seiner einfachsten Form, die dem deutschen Perfektpartizip zu entsprechen scheint, kommt das -dik-Suffix in der freien Wildbahn aber nur selten vor, denn für die Wiedergabe des deutschen Perfektpartizips wählt der türkische Sprecher normalerweise -miş mit Passivsuffix, beispielsweise seçilmiş (dt.: „gewählt, erwählt“). Richtig interessant wird dieses Suffix also erst, wenn man noch ein Possessivsuffix anfügt, zum Beispiel das der dritten Person. Dann kommt das titelgebende -diği heraus, wie hier bei tanıdığı. Nun habe ich tanımak ausgewählt, weil mit seinem deutschen Pendant „kennen“ bzw. dem damit verwandten Adjektiv „bekannt“ eine dem Türkischen ähnliche Konstruktion möglich ist, die dem Leser – so hoffe ich – einen weichen Übergang zum türkischen Konzept ermöglicht. Legen wir also los:

Tanıdık şey karmaşık heißt gemäß dem, was wir oben gesehen haben soviel wie „Die bekannte Sache ist verwickelt“, es wird hier offensichtlich als Adjektiv gebraucht. Soweit kommt einem das alles aus deutscher Sicht nicht abnormal vor.

Setzen wir nun aber das Possessivsuffix der dritten Person daran, verweist unser Partizip (nun: tanıdığı) plötzlich auf eine handelnde Person, was im Deutschen zusätzliche Wörter erfordern würde, wie wir gleich sehen werden. Nehmen wir zum Beispiel den Satz tanıdığı şey karmaşık, in Erklärdeutsch: „Die sein-gekannt Sache ist verwickelt.“ Im Deutschen kann man hier ähnlich kurz wie im Türkischen verfahren, ohne einen Nebensatz zu brauchen: „Die ihm bekannte Sache ist verwickelt.“ Das zusätzliche Wort ihm ist aber zwingend notwendig, wenn wir sagen wollen, wer handelt.

Als nächstes türkisches Beispiel nun bereits eines, dessen Wiedergabe im Deutschen eben nicht ohne Nebensatz möglich ist, wie es im letzten Absatz der Fall war.

Yaptığı ev güzel. Auf Erklärdeutsch: „Das er-gebaut-haben Haus ist schön.“ Eine Konstruktion (wie oben) „Das ihm/er gebaute Haus ist schön.“ gibt es offensichtlich nicht, sie wäre falsch. Man kann es zwar wiedergeben mit „Das von ihm gebaute Haus ist schön.“ Das mag grammatikalisch noch richtig sein, ist aber in dieser Form ungebräuchlich und schlechter Stil. Also kommen wir hier im Deutschen zwingend zu einem Nebensatz, nämlich: „Das Haus, das er gebaut hat, ist schön.“ Das eine (Verbal-)AdjektivYaptığı entspricht also dem deutschen Nebensatz „das er gebaut hat“.

Natürlich kann man jetzt alle möglichen Possessivsuffixe anhängen: Yaptığım ev güzel, Yaptığımız ev güzel : „Das Haus, das ich bzw. wir gebaut haben, ist schön.“

Man kann eine Form wie yaptığım aber nicht nur, wie oben, als Adjektiv einsetzen, sondern auch je nach Kontext als Substantiv verstehen, insbesondere wenn es alleine ohne nachfolgendes Substantiv vorkommt: Yaptığım güzel, also „Das Von-mir-gemachte ist schön.“ bzw. „Das, was ich gemacht habe, ist schön.“

Aber weiter geht es. Wir ahnen es schon: Noch ein Suffix. Es wird an die zuletzt gebildeten substantivischen Formen angehängt, nämlich das Akkusativsuffix. Zum Trost: Nun kann es wenigstens nicht mehr adjektivisch verstanden werden. Schauen wir uns folgenden Satz an, wo das yaptığım von eben unter Zufügung eines Akkusativsuffixes zum Objekt der Handlung bulmak – „finden“ (im Sinne von „halten für“) wird.

Yaptığımı güzel buluyorum – „Das Von-mir-gemachte finde ich schön.“ bzw. als richtiger deutscher Nebensatz: „Ich finde das, was ich gemacht habe, schön.“

Kommen wir zu einem weiteren Satz aus dieser Reihe, mit der wir nun langsam den Bereich betreten, wo die Fremdartigkeit (und Schönheit!) des türkischen Konzepts gänzlich offensichtlich und gleichzeitig hässliches, erklärendes Deutsch an seine Erträglichkeits- bzw. Verständlichkeitsgrenze stößt. Umso wichtiger allerdings, es zu verstehen, auch weil diese Art von Sätzen extrem häufig vorkommt und deutsche dass-Konstruktionen widerspiegelt.

Dün bir pasta yaptığımı biliyorsun – „Gestern einen Kuchen Mein-gemacht-haben weißt du.“ oder „Du weißt mein gestern einen Kuchen Gemacht-haben.“ Um den geneigten Leser von diesen hässlichen Sätzen zu erlösen, hier die korrekte Übersetzung:  „Du weißt, dass ich gestern einen Kuchen gemacht habe.“ Auch hier ist das Substantiv yaptığım Objekt wie im letzten Beispiel. So anders kann man also Sprache denken: Aus einem Verb wird ein Substantiv, das Informationen über den Handelnden und (!) die Zeitstufe enthält (wobei anders als beim deutschen Partizip je nach Kontext sowohl Gegenwart als auch Vergangenheit abgedeckt sind) und das nun von anderen wahrgenommen wird.

Jetzt wäre das ganze natürlich sehr eingeschränkt, wenn man nur über unbestimmte Personen oder über sich selbst reden könnte. Und wer sich schon gedacht hat, dass ein einsames Possessivsuffix (okay, ich gebe zu, es ist von anderen Suffixen umzingelt) nach einem Genitiv schreit, liegt richtig. Zunächst könnten wir, um langsam warm zu werden, an den Satz von eben vorne einfach noch benim anfügen:

Benim dün bir pasta yaptığımı biliyorsun – An der Bedeutung würde sich dadurch wenig ändern, außer dass der Sprecher vielleicht den Handelnden etwas mehr in den Fokus nimmt (also sich). Anders ist es bei dem folgenden Satz, wo das Wort anne – „Mutter“ im Genitiv steht und damit eine Verbindung mit yaptığını eingeht, dem u.a. ein Possessivsuffix und danach ein Akkusativsuffix angehängt ist:

Annenin dün bir pasta yaptığını biliyorsun – „Der Mutter ihr gestern einen Kuchen Gemacht-haben weißt du.“ In richtigem Deutsch: „Du weißt, dass die Mutter gestern einen Kuchen gemacht hat.“ Der etwas Erfahrenere sieht, dass hier – wie immer beim Genitiv – die Formen der 2. und 3. Person des Possessivsuffixes gleich sind, d.h. dass der Satz auch bedeuten könnte: „Du weißt, dass deine Mutter […].“

Um die Sache noch etwas weiter zu verkomplizieren, kann -diği sich – wie bereits erwähnt – je nach Kontext leider sowohl auf die Vergangenheit, als auch auf die Gegenwart beziehen:

Benim annemin şu anda bir pasta yaptığını sanıyor musun? – „Meinst du, dass meine Mutter gerade jetzt einen Kuchen macht?“

Ich darf das Augenmerk auch darauf lenken, dass – wie bei allen Substantiven – ein solches Verbalsubstantiv auch Dativobjekt sein kann, was vor allem wichtig ist, wenn ein Verb das verlangt, wie beispielsweise inanmak.

Benim annemin şu anda bir pasta yaptığına inanıyor musun? – „Glaubst du, dass meine Mutter jetzt gerade einen Kuchen macht?“

Das ist das schöne und schreckliche am Türkischen: Grammatische Phänomena sind fast immer generalisierbar, nicht in festen Wendungen erstarrt und Ausnahmen gibt es fast keine (Böse Zungen behaupten, dass Ausnahmen einfach dreist zu Regeln wurden).

Betrachten wir zuletzt noch eine Form im Plural, damit sie auch jeder erkennt, wenn sie ihn heimsucht. Sie sieht nämlich auf den ersten Blick anders aus, vor allem, weil das charakteristische weiche g (ğ) nicht vorkommt:

Zaten blogu okumadıklarını biliyorum: Ich weiß, dass sie den Blog sowieso nicht lesen.

Hier sieht wegen des eingeschobenen Pluralsuffixes die Sache zunächst etwas ungewöhnlich aus. Wenn man dann aber genauer hinschaut, sieht man, dass hinter -lar Possessiv- und Akkusativsuffix folgen und davor -dik zu finden ist.

Wo wir gerade bei anderen Fällen sind. Es gibt ja noch den Lokativ. Und wie wir alle wissen, kann der Lokativ (-de) nicht nur räumliche, sondern auch zeitliche Ortsangaben machen (hafta sonunda  – „am Wochenende“). Nun kann man (wir erinnern uns an die Generalisierbarkeit) nicht nur ein normales Substantiv in den Lokativ setzen, sondern auch ein Verbalsubstantiv:

Yazdığımda soğuktu. – Erst einmal Erklärdeutsch: „Bei-meinem-geschrieben-haben war es kalt.“, also: „Es ist kalt gewesen, als ich geschrieben haben.“ Das ist nicht so seltsam, wie es zuerst scheint, wenn man bedenkt, dass wir auch im Deutschen viele Präpositionen (die bei uns die Rolle spielen, die der Lokativ im Türksichen übernimmt) zeitlich und räumlich benutzen, zum Beispiel: „In dieser Woche/Landschaft“, „An diesem Tag/Haus“, etc.

Nimmt man den Ablativ, sieht die Sache wieder etwas anders aus:

Yazdığımdan bana geldi. – Von-meinem-geschrieben-haben ist sie zu mir gekommen.“ oder „Sie ist zu mir gekommen, weil ich schrieb.“

Natürlich gibt es noch unendlich viele (leider viel komplexere) Kombinationen mit dieser sehr produktiven Form, die hier zu zahlreich sind, um auch nur annähernd aufgeführt zu werden. Ich hoffe aber, dass das System klargeworden ist.

2. -eceği

Zu dieser Form gibt es jetzt gar nicht mehr so viel zu sagen, bis auf dass die Bedeutung futurisch ist, sich also auf die Zukunft richtet. Ansonsten wird es wie -diği gebraucht. Ein letztes Beispiel:

Bunun gibi sıkıcı bir makale daha yazacağımı sanıyor musunuz? – Glaubt ihr, dass ich noch einmal so einen langweiligen Artikel wie diesen schreiben werde?

3. Konkurrenz zu -mesi

Informieren muss ich die Trauergemeinde leider noch darüber, dass viele dass-Sätze auch mit dem Suffix -mesi gebildet werden, mit denen sich der folgende und dritte Teil der Reihe beschäftigt. Dabei tritt es in gewissem Sinne in Konkurrenz zu den hier erwähnten Suffixen. Für den deutschen Sprecher ist es mitunter schwer zu entscheiden, ob er für seinen dass-Satz nun die eine oder andere Suffixkombination wählt. Verwiesen sei auf vergangene Artikel von mir hier und hier, in denen ich nur dazu etwas schreibe.

Bitte kommentiert, wenn ihr Fragen zu dem Thema habt! Gerade bei diesem etwas langen Artikel würde mich interessieren, wie verständlich er ist.

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11 Kommentare zu “Wie funktionieren eigentlich Nebensätze im Türkischen? (Teil 2: -diği/eceği)

  1. Danke für diese hilfreichen Seiten. Ich erlaube mir, auf meinen reich illustrierten Anfängerkurs hinzuweisen. (Eine Beispielseite ist unten verlinkt.)

  2. Sehr schön erklärt. 🙂 Sag mal, wie lange lernst du denn schon türkisch? 🙂

    • Freut mich, dass es jemand versteht. Gerade bei diesem etwas längeren Artikel hatte (und habe) ich Befürchtungen, dass die meisten Leute das nicht einmal zuende lesen. Türkisch lerne ich seit fünf Jahren.

      • Wer sich mit der Sprache wirklich auseinander setzt, der wird deine Artikel komplett lesen. 🙂 Sind wirklich super erklärt und auch die Beispiele finde ich echt toll.

  3. Du gibst dir echt mühe, aber wäre es vielleicht möglich, dass für 14 jährige verständlicher zu machen? 🙂 ich verstehe das alles einfach nicht :/ trz danke 🙂

    • Danke für den Kommentar. Könntest du mir sagen, wo das Problem liegt? Zu viele Fremdwörter? Oder sind die Sätze zu lang?

      Auf jeden Fall sehr cool, dass du Türkisch lernst. Vielleicht ist das Thema Nebensätze ja auch noch etwas zu fortgeschritten, obwohl ich natürlich keine Ahnung habe, wie weit du schon bist. Es handelt sich dabei nämlich nicht gerade um den einfachsten Teil des Türkischen.

  4. Vielen Dank für den wunderbaren Artikel! Es ist der erste, den ich von dir lese, und ich finde ihn sehr gelungen – genau richtig ausführlich und mit schönen Beispielen unterlegt! Ich freue mich schon darauf, im Archiv zu stöbern!

    • Vielen Dank! Freut mich, dass es dir gefallen hat bzw., wenn du etwas gelernt hast. Hast du noch einen Artikel im Archiv (obwohl dieser ja auch schon etwas angejahrt ist) gefunden, der dir gefallen hat?

  5. Obwohl Dein Artikel bereits über 4 Jahre alt ist, ist er immer noch einer der besten und verständlichsten Erklärungen über Nebensätze. Machst Du immer noch Blogs?

    • Vielen Dank für das Lob. Es freut mich, dass es Dir etwas gebracht hat. Was das mit dem Bloggen angeht, so ist das hier mein einziger Blog, der ja mangels neuer Artikel eher so etwas wie ein Archiv ist. Ich würde immer mal wieder gerne etwas neues schreiben, aber es fehlt mir aus den üblichen Erwachsenengründen an Zeit und irgendwie habe ich nach den Nebensätzen auch kein Thema mehr gefunden, über das ich so gerne schreibe. Naja, ganz richtig ist das nicht. Ich wollte immer mal etwas über die Konkurrenz zwischen -irdi und -ecekti schreiben, aber ganz ehrlich: Ich überblicke das selbst noch nicht so gut, dass etwas wirklich Schlaues darüber schreiben könnte. Aber daran kann man ja arbeiten…

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