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Der türkische Laizismus

Die türkische Version des Konzepts Laizismus zu verstehen, fällt dem westlichen Beobachter manchmal etwas schwer. Er versteht darunter eigentlich die Trennung von Staat und Religion, die sehr streng beispielsweise in Frankreich verwirklicht ist. Ich will versuchen, zu erklären, wie ich das türkische Konzept verstanden habe und dabei auch die Situation in Deutschland anreißen.

Weniger strikt als in Frankreich ist der Laizismus bei uns hier verwirklicht, wo die herkömmlichen Religionsgemeinschaften in derselben Form wie Verwaltungsträger, nämlich als Körperschaften des öffentlichen Rechts organisiert und damit in gewisser Weise Teil des Staatsgebildes sind. Allerdings muss man dazu sagen, dass dieser Weg grundsätzlich allen Religionen gleichermaßen offensteht. Jede kann also bei ausreichender Mitgliederzahl und Gewähr der Dauerhaftigkeit diesen Status erreichen.

Seltsam erscheint auch, dass es so etwas wie Kirchensteuer gibt. Der Staat zieht dabei für die als Körperschaft organisierten Religionsgemeinschaften die Beiträge ein, was auch wenig nach Trennung aussieht. Allerdings steht es hier jedem frei, nicht zu zahlen.

Bei Laizismus denkt man aber daran, dass der Staat sich gleich weit von allen Religionen fernhält und weder eine bevorzugt, noch benachteiligt.

Nun ist es in der Türkei so, dass eine der Religionen, der Islam, von einer staatlichen Behörde gesteuert wird, der Diyanet. Sie setzt Imame ein, verleiht ihnen Beamtenstatus, bezahlt sie und gibt ihnen zentral die zu haltenden Predigten vor. Auch der Moscheebau ist ihre Angelegenheit. All das wird nicht aus einem speziellen Steuertopf bezahlt, der nur für Religion gedacht ist, sondern aus dem allgemeinen Steueraufkommen bestritten.

Andere Religionen werden dagegen nicht vom türkischen Staat verwaltet. Deren Angehörige bezahlen also, ob sie wollen oder nicht, mit ihren Steuergeldern islamische Geistliche, während  ihre eigenen Religionsgemeinschaften zusätzlich noch auf ihre privaten Spenden angewiesen sind. Ähnlich sieht es auch mit dem Religionsunterricht aus. Diesen gibt es in der Praxis nur als Islamunterricht, den alle besuchen müssen, welcher Religion sie auch angehören mögen.

Diese scheinbaren Widersprüche erklären sich aber, wenn man das Konzept dahinter besser versteht. Der spezifisch türkischen Version des Laizismus als eines von sechs Prinzipien Atatürks ging es bei der Trennung von Staat und Religion darum, zu verhindern dass die Religion in Zukunft noch starken Einfluss auf den Staat nimmt. Damit war gerade nicht gesagt, dass es umgekehrt nicht so sein sollte. Vielmehr ist es sogar so, dass die kemalistischen Eliten der Vergangenheit stets einen religiös motivierten Umsturz befürchteten und deshalb präventiv die Religion unter ihre Kontrolle bringen und zähmen wollten, um den jungen Staat vor einer religiös motivierten Konterrevolution zu schützen. Immerhin hatte die Abschaffung des Osmanischen Reiches ja auch die Abschaffung Kalifats zur Folge, was vielen Religiösen (und davon gab und gibt es viele in der Türkei) ein Dorn im Auge war, gelinde gesagt.

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5 Kommentare zu “Der türkische Laizismus

  1. Deine Erklärung ist schön. Es ist nur schade, dass es sich jetzt wieder ändert und die islamische Religion doch wieder Einfluss auf den Staat nimmt.

    • Ja, im Grunde ist das passiert, wogegen Mustafa Kemal diese Art des Laizismus schuf: Eine Art konservative Revolution. Darüber habe ich natürlich auch schon viel diskutiert und dabei viele Schattierungen von den so heißgeliebten Verschwörungstheorien mitbekommen. Ich persönlich kann mich da allerdings nicht in dieselbe apokalyptische Stimmung bringen wie viele Türken, mit denen ich darüber gesprochen habe, obwohl ich kein Fan der AKP bin. Jedenfalls weiß ich jetzt, dass Erdoğan gleichzeitig Jude, Kurde, Freimaurer, Islamist, Amerikamarionette usw. ist und natürlich für alle Feinde der Türkei gleichzeitig arbeitet. Diese multidimensionalen Verschwörungstheorien sind meine liebsten.

      • Oh, dass er Jude, Kurde und Freimaurer ist, wusste ich noch nicht. Ich habe nur gehört, dass er angeblich nicht Türke, sondern Araber sei. Dafür wurde Atatürk aber wohl von den Freimaurern unterstützt …

      • Als Konservativer Türke mit zusätzlich Kurdischen Wurzeln bin ich froh dass du das auch erkannt hast 🙂
        Eins fehlt aber in deiner Liste: Georgier.
        Genau, selbst Georgier wird er genannt.

        Da er von allen Seiten angegriffen wird kann man gut sehen dass er nicht in ein Extrem hinausragt. Ach ja für die daes leute ist er natürlich kein Muslim und für alle Perser die ich kenne ist er natürlich unterstützer der daes).

        Zurück zu Sprachen, ich mag Erdogan allein deswegen weil dank ihm mein Großvater wieder Kurdisch sprechen kann ohne sich sorgen machen zu müssen.

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