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Wie funktionieren eigentlich Nebensätze im Türkischen? (Teil 1: -en)

Wie ich schon in einigen anderen Posts dargestellt habe, sind Nebensätze eines der schwierigsten (und reizvollsten!) Themen im Türkischen, weil sie einfach völlig anders gebildet werden als im Deutschen, so dass man sich hier von seinem deutschen  Sprachgefühl völlig freimachen und in ein neues eintauchen muss (das geht so weit, dass es zu einem grundsätzlichen Streit darüber kam, ob man überhaupt von Nebensätzen im Türkischen sprechen kann oder ob es sich nicht eher um sog. nebensatzwertige Konstruktionen handelt). Aber genau das macht für mich den unheimlichen  Reiz dabei aus, die türkische Sprache zu erlernen. Dieser Zwang, Sprache ganz neu zu  denken und vor allem die Erkenntnis, dass es überhaupt so völlig anders geht.

Um Nebensätze zu verstehen, muss man zunächst die Verbformen kennen, die der Türke einsetzt, um sie zu bilden. Davon kommen uns manche bekannt vor, andere nicht. Ich werde die Erklärung der Nebensätze einmal nach Verbformen gliedern und nicht nach Nebensatzarten. Außerdem werde ich „Erklärdeutsch“ verwenden, also zunächst ganz direkte, hässliche Übersetzungen bringen, die im Deutschen grammatikalisch falsch oder zumindest ungebräuchlich sein mögen, aber die Art, wie das Türkische funktioniert, veranschaulichen sollen.

Fangen wir mit etwas an, dass sich wegen der relativen Nähe zu einem verwandten deutschen Konzept leicht verstehen lässt:

Das -en-Suffix

Hänge ich an einen Verbstamm das Suffix -en an, so bedeutet es ungefähr (!) dasselbe, wie wenn ich im Deutschen -end anhänge:

Von dem türkischen Verb gitmek (gehen) bilden wir, indem wir dem Verbstamm git- das Suffix -en anhängen, die fertige Form giden, was soviel wie „gehend“ heißt. Nun wäre es aber nicht Türkisch, wenn es einfach einer Form im Deutschen entspräche, die überdies auch noch lautlich ähnlich ist (man müsste an -en ja nur „d“ anhängen, um „end“ zu bekommen). Deshalb kommt noch hinzu, dass -en auch die Vergangenheit abdeckt. Die Form kann als Adjektiv und als Substantiv gebraucht werden. Das ist im Deutschen zwar auch möglich, aber im Gegensatz zum Türkischen ist bei uns eine kleine Änderung vonnöten (Adjektiv: gehend, Substantiv: Der Gehende).

Wir könnten nun beispielsweise giden adam einfach mit „gehender Mann“ übersetzen und sagen: Was hat denn das mit Nebensätzen zu tun? Das ist doch genau wie im Deutschen! Was aber machen wir, wenn der Sprecher über die Vergangenheit sprechen wollte (ob das der Fall ist, müssen wir aus dem Kontext schließen)? „Gegangen seiender Mann“ geht im Deutschen schon nicht mehr. Hier ist also nur noch der Nebensatz „Der Mann, der gegangen ist“ eine Übersetzung in richtiges Deutsch.

Noch deutlicher wird es bei Oraya giden adam sevimli: „Der dorthin gehende Mann ist nett.“ ist kein richtiges Deutsch. Die einzig richtige Übersetzung ist mit Nebensatz: „Der Mann, der dorthin geht (oder: ging), ist nett.“

Die höhere Schule erreichen wir mit einer Konstruktion, die erst einmal ein bisschen Kopfschmerzen verursacht:

Türkçesi çok kötü olan adam bir blog yazıyor.

Auf (sehr hässlichem) Erklärdeutsch: „Sein Türkisch sehr schlecht seiender Mann schreibt einen Blog.“

In richtigem Deutsch: „Der Mann, dessen Türkisch sehr schlecht ist, schreibt einen Blog.“

Was ist hier passiert? Verwirrend ist, dass Träger der Handlung „sein“ nicht mehr der Mann ist, sondern plötzlich dessen Türkisch, obwohl das mit -en erweiterte Verb olan immernoch vor adam steht und nicht vor Türkçesi. Witzigerweise kommt die Idee dahinter (zumindest für mich) im Erklärdeutsch ganz gut rüber, nämlich, dass sich „seiender“ primär auf „Türkisch“ bezieht und nicht auf  „Mann“. Wir müssen akzeptieren, dass das im Türkischen ganz legitim und normal ist. Ständig werden dort Wörter mit Possessivsuffixen versehen und damit Personen oder Gegenständen zugewiesen, bevor diese überhaupt im Text aufgetaucht sind. Das ist für Deutsche ungewohnt, weil wir normalerweise zunächst beispielsweise eine Person erwähnen und dann Gegenstände, die ihr gehören bzw. zugeordnet sind, wie eben in der richtigen Übersetzung ins Deutsche zuerst von dem Mann die Rede ist und dann von seinem Türkisch.

Zuletzt: Das mit -en erweiterte Verb kann auch für sich alleine stehen, also ohne beispielsweise das Wort adam. Giden heißt dann einfach „Der Gehende“ bzw. „Der, der geht“. So könnte man folgenden Satz bilden:

Oradan gidenler aptal: „Die, die da lang gehen, sind dumm.“ oder „Wer da lang geht, ist dumm.“

Wen es interessiert: Die Türken könnten diese Nebensätze gar nicht anders bilden, selbst wenn sie wollten, denn dafür fehlt ihnen ein (für uns) wichtiges grammatikalisches Phänomen: Relativpronomen. Das „dessen“ von oben oder das „die“ hinter dem Komma vom letzten Beispiel gibt es einfach gar nicht. Aber be(un?)ruhigenderweise hat die türkische Sprache so viele Konzepte, die es wiederum bei uns nicht gibt, dass sich niemand Sorgen um die Ausdruckskraft machen muss. Eher im Gegenteil.

Bitte kommentiert, wenn ihr Fragen zu dem Thema habt!

Hier geht es zum zweiten Teil.

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13 Kommentare zu “Wie funktionieren eigentlich Nebensätze im Türkischen? (Teil 1: -en)

  1. Oh genial! So eine verständliche Erklärung habe ich schon lange gesucht! Du bist ein Genie, danke!!!

    • Vielen Dank für das Lob. Es freut mich wirklich sehr, dass es verständlich ist. Ich frage mich gerade noch, ob ich aus dem ganzen Thema mehrere Artikel machen oder diesen hier erweitern soll. Naja, angesichts der erschreckenden Vielfalt des Nebensatzthemas ist letzteres wahrscheinlich gar nicht möglich.

  2. Wirklich super erklärt! 🙂

  3. Danke, danke, danke, danke!

  4. Dankedankdankdanke!

  5. Hyvää päivää, en puhu suomea.
    Haluaisin maksaa.
    Kippis, Näkemiin!
    Minun nimeni on Till

  6. Ich kann mich dem Lob nur anschließen! Vielen Dank! Eine Frage habe ich noch: Könnte man den Satz ,,Wer da lang geht, ist dumm“ auch anders formulieren, also z.B. mit ,,kim“ oder einem anderen Pronomen? Liebe Grüße, Sinah

    • Vielen Dank! Zu deiner Frage: Türkische Fragewörter wie kim sind nicht wie das deutsche „wer“ auch als Relativpronomen einsetzbar. Ja, zugegeben: Man kann mit kim und Verben, die mit -se suffigiert sind, Dinge tun, die vergleichbar sind. Beispielsweise in „kim bunu yaptıysa cezasını çekecek“, also „Wer auch immer das gemacht hat, wird seine Strafe erhalten.“ Aber das ist nicht verallgemeinerbar, universell einsetzbar, es funktioniert nicht richtig mit Adjektiven beispielsweise. Der Satz „kim oradan gidiyorsa aptal“ geht schon nicht mehr, klingt beispielsweise schon seltsam bzw. falsch. Was ich sagen will: Versuch nicht, deutsche Grammatik – insbesondere diejenige in Bezug auf Nebensätze – auf das Türkische anzuwenden. Das funktioniert manchmal zufällig, meistens aber nicht, weil die Sprachen einfach zu unterschiedlich sind (ganz anders als beispielsweise mit dem eng verwandten Englischen). Du kriegst auch ein besseres Gefühl für das Türkische, wenn du konsequent Partizipien für so etwas benutzt, anstatt Konstruktionen zu suchen, die dem Deutschen ähnlich sind.

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