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Bemerkenswertes an der Türkischen Rechtssprache

Von Berufs wegen interessiert mich, seit ich Türkisch lerne, auch die Rechtssprache des Landes. Jeder, der sich auch nur einmal mit Rechtstexten beschäftigen musste, wird wissen, dass die Sprache der Juristen eine ganz eigene ist; gemacht, um sich kurz und präzise über juristische Gegenstände unterhalten zu können, sie überhaupt benennen zu können. Natürlich schließt man so auch bequem die Unwissenden aus, um sich selbst unentbehrlich und die eigene Machtstellung unangreifbar zu machen.

Die Situation in der Türkei ist bzw. war aus historischen Gründen etwas krasser. Der von Atatürk initiierte Sprachwandel beschränkte sich ja nicht nur auf das Alphabet. Er ließ bekanntermaßen auch ein Institut für Türkische Sprache (Türk dil kurumu, sehr gut dazu: The Turkish language reform: a catastrophic success) einrichten, das in der folgenden Zeit vergleichsweise erfolgreich versuchte, den – ebenfalls historisch bedingten – extrem hohen Fremdwortanteil in der Türkischen Sprache zu verringern. Die wichtigsten Gesetze in der Türkei, wie z. B. die Türkische ZPO wurden aber recht früh erlassen, so dass der Anteil an Wörtern aus der alten osmanischen Sprache (osmanlıca) sehr hoch ist. Der normale Bürger kann sich also nicht nur, wie hier in Deutschland, keinen Reim auf manch komplexen Satz oder Kunstwort („Nießbrauch“) machen, nein: Das Gesetz besteht dort obendrein noch zu einem großen Teil aus Wörtern, die keiner kennt. So müssen sogar Jurastudenten die offizielle Version der Gesetze zunächst einmal mit einem Wörterbuch lesen. Dann gibt es auch „Übersetzungen“ der Gesetze in das von übermäßig vielen Fremdwörtern gereinigte normale Alltagstürkisch der heutigen Zeit.

Das widerspricht aber nun endgültig dem ursprünglichen Sinn von Gesetzen: Jeder soll wissen, was seine Rechte und Pflichten sind. Wenn man aber das Gesetz selbst als normaler Muttersprachler mangels Vokabelkenntnissen nicht einmal lesen, geschweige denn verstehen kann, ist dieser Zweck offensichtlich verfehlt.

Zum Beispiel habe ich mich mit meinem Tandempartner ganz unschuldig unterhalten und dabei das Wort mucir gebraucht, welches im Türkischen Obligationenrecht, das auf dem schweizerischen basiert, bis 2011 so etwas schlichtes wie den „Vermieter“ bezeichnete (erst seitdem gilt der deutlich volkstümlichere Begriff kiraya veren). Wenn schon so ein gewöhnliches Wort einem  akademisch gebildeten Menschen wie meinem Tandempartner nicht bekannt ist, dann kann man sich vorstellen, wie sich die einfache Bevölkerung fühlen musste, wenn sie das Gesetz las und das war immerhin von 1926 bis 2011 so. 2011 wurden übrigens noch einige andere wichtige Gesetze wie beispielsweise die Türkische ZPO reformiert und dabei gleich auch sprachlich entsprechend angepasst.

Auch wenn die Reformen hier schon einiges verändert haben, bleiben noch viele Gesetze auf diese Weise unverständlich für den normalen Bürger. Weitere Reformen sind allerdings in Arbeit.

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