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Warum ich so gerne Türkisch lerne

Türkisch angefangen habe ich aus einem ganz simplen und profanen Grund. Ich bin in den Urlaub gefahren. Aber nicht irgendwohin, nein, ins Studentenparadies Olympos. Ich wusste natürlich damals noch nicht, dass jeder türkische Student schon einmal dort gewesen ist und dass es sich um so eine Art kommerziell gewordenen Geheimtip handelt.

Jedenfalls habe ich, wie ich das eigentlich vor jedem Urlaub zu tun pflege, ein wenig die jeweilige Landessprache erlernen wollen, und wenn nur so weit, dass ich nach dem Weg fragen kann. Die Antwort verstehe ich zwar nicht, aber immerhin vermag ich den begeisterten (und natürlich viel zu schnellen) Vortrag zu würdigen. Meistens führt das nicht besonders weit. Ich kann dann nach dem Urlaub noch ein paar Wörter, die sind dann aber auch schnell weg. Allerdings hatte ich diesmal schon Feuer gefangen, während ich einige Wochen vor dem Urlaub noch das Lehrbuch studierte. Im Gegensatz zu anderen Lehrbüchern hatte ich dieses schon fast durch, als ich aus der Türkei nachhause kam. Normalerweise bleibe ich bei Lektion 5 bis 10 von 20 stecken.

Was mich gleich von Anfang an fasziniert hat, war die völlige Andersartigkeit dieser Sprache. Mir war bis dahin nicht im Ansatz klar gewesen, dass eine Sprache überhaupt so extrem anders funktionieren kann als unsere indogermanischen Sprachen. Latein war mir fremdartig vorgekommen, Altgriechisch war bis hierhin die abgefahrenste Sprache, die ich gelernt hatte: Medium, Dual, Aorist etc. waren Dinge, die ich aus dem Deutschen nicht kannte und bestaunte wie Monumente einer außerirdischen Kultur. Aber im Gegensatz zu dem, was Türkisch parat hält, verblasst das vollkommen. Ich sage nur Nebensätze, das reicht jedem etwas fortgeschrittenen Türkischlernenden, um zu wissen, wovon ich spreche. So etwas wie den AcI im Lateinischen kann man einem Deutschen noch erklären, weil er bei uns mit Zeitwörtern der Wahrnehmung auch meist funktioniert. Aber eine nebensatzwertige Konstruktion wie çalıştığım şirket kann man weder wörtlich übersetzen noch in dieser Kürze. Ganz abgesehen vom Kausativ und den absurden Verkettungsmöglichkeiten mit doppelten und dreifachen Kausativen (und dann noch mehr Suffixen).

Mir war  auch nicht klar, dass es unterschiedliche Sprachsysteme gibt; ich hatte nur eine grobe Vorstellung von mehreren Sprachfamilien. Auch hier hat sich mein Wissen dank Türkisch deutlich erweitert, weil  es mein Interesse für die verschiedenen Systeme und  Familien geweckt hat.

Jetzt weiß ich beispielsweise, dass es entfernte Sprachen wie Japanisch, Koreanisch, Finnisch und Ungarisch gibt, die in das gleiche agglutinierende System gehören, aber nicht in dieselbe Familie, obwohl teilweise Verwandtschaft vermutet wurde.

Außerdem hat mir Türkisch unverhoffterweise im Bereich Latein geholfen. Latein erschien mir immer tot, trocken und eher wie eine Logikaufgabe denn wie eine Sprache. Insbesondere kann sich ein Deutscher schwerlich etwas unter dem Ablativ vorstellen. Aber wenn man erst einmal eine Sprache selbst gesprochen hat, in der es einen Ablativ tatsächlich gibt und dazu noch einen Lokativ, der ja im Lateinischen größtenteils in den Ablativ gewandert ist, dann kann man sich viel besser einfühlen. Dieses „lokativische Gefühl“, dass ich  habe, wenn ich ein Wort in dem entsprechenden Fall lese, dass sich anfühlt, als stünde eine deutsche Präposition wie bei, an, in etc. dabei, ist nun auch im Lateinischen da und das macht es häufig sehr viel einfacher, es herunterzulesen (wenn mich daran nicht etwas anders hindert, was meistens der Fall ist).

Wenn ich mich jemals wieder dem Altgriechischen zuwende, werde ich sicher auch etwas in der Art entdecken. Allerdings werden es wohl kaum die Fälle sein, da das (in dieser Hinsicht langweilige) Altgriechisch nicht mit Ablativ und Lokativ aufwarten kann.

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