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Zur Konkurrenz von -mesi und -diği/-eceği

(Wer praktische Tips zu dem Thema sucht, ist bei einem anderen Artikel besser aufgehoben)

Ich als Biodeutscher lerne jetzt seit einigen Jahren Türkisch, die meiste Zeit auf eigene Faust mittels Büchern. Wenig überraschend ist daher das Schwierigste für mich, zu sprechen. Das kommt auch daher, dass in meinem Umfeld leider keine Türken vorhanden sind, mit denen ich ungezwungen üben könnte. Ich war immer darauf angewiesen, mir Sprachtandempartner zu suchen, von denen es zum Glück ziemlich viele gibt. Allerdings ist das etwas ganz anderes als mit einem Bekannten oder Freund. Die Gespräche tragen sich zwar manchmal auch selbst, verlieren aber nie ganz den Charakter einer (Pflicht-)übung. Obwohl das deutlich besser ist, als gar nicht Türkisch zu sprechen, nervt es doch ziemlich, fast nie mal eine lockere, ungezwungene Unterhaltung zu führen, sondern immer auf einem Exerzierplatz hölzern herumzutappen, neben sich den jederzeit deutlich sichtbaren Abgrund des peinlichen Schweigens.

Dabei ist mir das im Weg, was ich so wunderbar finde an der Türkischen Sprache: die völlig andersartige grammatische Struktur. Einfache Sätze sind ja inzwischen, nach zwei, wenn auch kurzen Aufenthalten in der Türkei, kein Problem mehr für mich. Aber da ich doch gerne mal den ein oder anderen Nebensatz einflechte, komme ich schnell in große Probleme. Theoretisch weiß ich natürlich, wie das alles geht, aber wenn man dann tatsächlich mal einen Satz auf Türkisch sagen will wie „Der Compliance-Officer, der ausgewählt wurde, soll dafür Sorge tragen, dass alle relevanten Vorschriften eingehalten werden“, dann kommt man schnell in Schwulitäten.

Insbesondere verzweifle ich regelmäßig an der Wahl zwischen Kurzinfinitiv und Partizipien (ähnlich schlimm ist die Wahl zwischen -erdi und -ecekti bei Sätzen mit „hätte“). In dem oben gewählten Beispiel ginge es um das Wort „einhalten“, also riayet etmek. Hier würde ich zum Kurzinfinitiv tendieren, also zu riayet etmesi. Aber halt, es geht ja darum, dass sie eingehalten werden, weswegen es riayet edilmesi wäre. Als Futurpartizip käme riayet edileceği in Betracht.

Für sorgen könnten wir natürlich bakmak nehmen. Wir sind also bei den Alternativen riayet edilmesine bakmalı oder edileceğine bakmalı angekommen. Dabei lasse ich jetzt mal außer Acht, dass mir auch nicht immer ganz klar ist, ob ich „sollen“ eher wiedergeben sollte mit einer Konstruktion wie gerek/lazım oder eher mit -meli/-malı. Das ist aber etwas, was sich leichter nachschlagen lässt als die Unterscheidung zwischen Kurzinfinitiv und Partizip, zu der ich noch nie etwas gelesen habe, was mich wirklich erleuchtet hätte. Die beste Erklärung ist noch in der wirklich superben Grammatik von Frau Margarethe Ersen-Rasch enthalten, superb hauptsächlich deshalb, weil es meines Wissens kein vergleichbares Werk auf Deutsch gibt. Jedenfalls steht dort, dass bei Verben des Wollens, Wünschens, Hoffens eher der Kurzinfinitiv zu wählen ist, also bei istemek, ummak oder auch söylemek, wenn es so genutzt wird: doktora gitmesini söyledim.

Nun geht es auch in unserem Fall grob um so etwas. Der Complianceofficer soll etwas sicherstellen, man wünscht es sich, dass die Leute sich so verhalten. Das Partizip im Futur stellt ja eher eine zukünftige Tatsache dar, weniger ein gewünschtes Verhalten, obwohl das auch nicht immer so ganz klar ist. Im Türkischen kann man schließlich mit dem Futur nicht nur über zukünftige, garantierte Tatsachen sprechen, sondern auch über eigene Pläne oder sogar starke Annahmen bezüglich gegenwärtiger Tatsachen.

Trotzdem ist im Endeffekt, auch wenn ich wirklich keine perfekte Begründung dafür habe, meines Erachtens der Kurzinfinitiv passender. Allerdings bin ich in der Gesprächssituation meistens ziemlich aufgeschmissen, wenn ich das so schnell entscheiden muss. Und meistens findet man hinterher heraus, dass es sowieso noch eine viel passendere, ganz andere Art gegeben hätte, wie man das hätte sagen können (dieser letzte Satz ist übrigens auch ein schönes Beispiel für einen, dessen Übertragung ins Türkische mich in einer Gesprächssituation maßlos überfordern würde).

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